Über Madenhacker, Aasgeier und Stechmücken

Die Begriffe Symbiose, Kommensalismus und Parasitismus bezeichnen Formen der Vergesellschaftung zwischen zwei verschiedenen Tierarten. Jede dieser Formen hat ihre Daseinsberechtigung und erfüllt eine wichtige ökologische Funktion.

In der US-amerikanischen Forschung bezeichnet der Begriff Symbiose allgemein das koevolutionär entstandene Zusammenleben von Organismen, unabhängig von dessen Art und Weise. In Europa wird der Begriff genauer spezifiziert. Unter Symbiose versteht man dort die Vergesellschaftung zweier verschiedener Arten, bei der jede Art von der jeweils anderen profitiert. Ein Beispiel hierfür ist der Rotschnabel-Madenhacker (engl. red-billed oxpecker; tax. Buphagus erythrorhynchus), der die Savannen des mittleren und südlichen Afrikas bewohnt. Er hält sich vorzugsweise auf großen Wild- und Haustieren auf, um sich von Larven und Insekten in deren Fell zu ernähren. Die als Putzsymbiose bekannte Lebensweise bietet dem Madenhacker eine Nahrungsquelle und Schutz vor Prädatoren (Fraßfeinden) und den Wirtstieren eine Befreiung von Fellparasiten und so eine verminderte Seuchengefahr innerhalb der Herde. Außerdem warnt der Madenhacker seine Wirtstiere vor herannahender Gefahr.

Innerhalb der Symbiose unterscheidet man die beiden Begriffe Mutualismus und Eusymbiose. Beim Mutualismus existiert eine regelmäßige, aber nicht lebensnotwendige Wechselbeziehung. So leben Clownfische zum Beispiel mit Seeanemonen zusammen, von deren Tentakeln sie geschützt werden. Die Clownfische verjagen im Gegenzug die Fraßfeine der Anemone. Beide Tiere profitieren voneinander, können aber auch ohne einander überleben. Bei der Eusymbiose besteht eine lebensnotwendige Vergesellschaftung. Ein Beispiel hierfür sind Flechten, eine Symbiose aus Algen und Pilzen. Die durch die Algen photosynthetisch produzierten Kohlenhydrate dienen den Pilzen als Kohlenstoffquelle, die Pilze liefern den Algen wiederum Nährsalze und Wasser.

Ist die Interaktion zwischen zwei Arten für die eine Art positiv und für die andere neutral, dann spricht man von Kommensalismus. Ein Beispiel hierfür sind Aasgeier, die größeren Raubtieren wie zum Beispiel Löwen folgen, um sich von den Überbleibseln ihrer Beute zu ernähren. Bei Nahrungsknappheit kann es zu Konkurrenz zwischen verschiedenen Kommensalen kommen.

Die für viele Menschen unbeliebteste Form der Wechselwirkung zwischen zwei Organismen ist der Parasitismus, ein uralte, aus biologischer Sicht hochinteressante und ökologisch wichtige Form der Vergesellschaftung von Lebewesen. Hierbei wird ein Wirtsorganismus von einem in der Regel wesentlich kleineren Parasiten befallen. Dieser ernährt sich von Ressourcen, die ihm der Wirt liefert. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Stechmücken, die sich von dem Blut des Menschen und anderer Säugetiere ernähren. Der Ressourcenerwerb erfolgt dabei immer zum Schaden des Wirtes. In der Regel bleibt er dabei am Leben, in seltenen Fällen kann es aber auch zum Tode kommen, vor allem dann, wenn der Parasit noch nicht optimal an seinen Wirt angepasst ist oder diesen nur als Zwischenwirt benutzt, das heißt den Wirt nur temporär für das Durchlaufen eines bestimmten Entwicklungsstadiums benötigt. Wie bei der Symbiose gibt es auch beim Parasitismus verschiedene Formen. Beim Brutparasitismus nutzen Vögel die Brutgelege anderer Vögel, um den eigenen Nachwuchs ausbrüten zu lassen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Kuckuck. Ebenfalls in der Vogelwelt verbreitet ist der Kleptoparasitismus, bei dem Nahrung von anderen Vögeln gestohlen wird (auch „Schmarotzertum“ genannt).

So grausam der Parasitismus aus menschlicher Sicht auch sein mag, er erfüllt wichtige ökologische Funktionen wie zum Beispiel die Regulierung derjenigen Tierbestände, die als Wirt genutzt werden. Alte und kranke Tiere unterliegen dabei einem höheren Selektionsdruck, da sie anfälliger für einen Befall sind und infolgedessen verenden können.

Darüber hinaus bildet die Gesamtheit der parasitisch lebenden Tiere einen nicht unbeträchtlichen Anteil der Biomasse in verschiedenen Ökosystemen und dient somit als wichtige Nahrungsquelle für räuberisch lebende Tiere.

Übrigens: Neuste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass dem eingangs erwähnten Madenhacker eine eher parasitische Lebensweise zuzuschreiben ist, da er nur etwa 15 Prozent seiner Zeit mit Parasitenvertilgung verbringt und ansonsten damit beschäftigt ist, den Ohrenschmalz seiner Wirtstiere zu fressen oder deren Wunden offen zu halten, um sich von ihrem Blut oder kleinen Stücken aus den Wundrändern zu ernähren.

Mit etwas Glück kann man den Madenhacker auf einer der von NATUCATE angebotenen Reisen ins mittlere oder östliche Afrika (Südafrika, Botswana, Simbabwe, Kenia) beobachten.

Quelle: Richard Lucius, Brigitte Loos-Frank: Biologie von Parasiten. Springer-Lehrbuch, 2008

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